01.09.: Am Anfang stand ein Mann

Die Erfolgsstory der virtuellen Medienstars.

Das erste virtuelle Idol war ein Mann, der fesche Max Headroom. Seither dominieren jedoch weibliche Figuren die Szene der Pixelstars. Angefangen bei Marilyn, über Lara, Kyoko, bis hin zu Cornelia, die den Einzug ins öffentlich-rechtliche Fernsehen geschafft hat, scheint der Siegeszug der Ersatzmenschen nicht mehr aufzuhalten.

Max Headroom

Max Headroom
Der erste virtuelle Mann in den Medien hieß Max Headroom und stotterte sich durch die gleichnamige Fernsehserie. Zwar musste sich der Schauspieler Matt Frewers noch einer endlos langen Schminkprozedur hingeben, aber die erste virtuelle Kultfigur war geschaffen. Max konnte sich in der Serie durch Computernetze bewegen, aktiv in das Fernsehprogramm einblenden und entscheidende Hinweise zur Verbrechensaufklärung liefern. Später hatte er noch seinen Einsatz als Sänger und Werbeträger.

Marilyn Monroe
Fast zeitgleich zu Max entstand im Labor von Nadia Thalmann im Schweizer Institut MIRAlab eine 3D-Marilyn Monroe. Selbst ihre eigenen Gesichtszüge setzte Nadia Thalmann in eine entsprechende Animation um. Eine Vermarktung und ein direkter kommerzieller Erfolg (siehe PopTarts) mit der Marilyn aus dem Computerforschungslabor fand aber nicht statt. Inzwischen arbeitet das Institut an virtuellen Schnittvorlagen für die Modeindustrie. Das langfristige Ziel des Forschungslabors ist die Integration von Sprache und emotionalen Ausdrucksmöglichkeiten. Irgendwann wird die virtuelle Figur auch nonverbale Signale ihres menschlichen Gegenübers erkennen und darauf reagieren.
Lara Croft

Lara Croft

Mit Lara Croft aus dem Spiel "Tomb Raider" brach eine Frau in eine bislang rein männliche Spielfigurendomäne ein. Sie eroberte Millionen von männlichen Spielern durch ihr Erscheinungsbild und ihre Kampfeigenschaften. Sie war die erste weibliche Actionspielfigur, die sich aktiv mit ihrem Waffenarsenal zur Wehr setzte. Sie war zwar nie geschaffen worden, einfach nur schön zu sein, aber sie regte die Fantasie der Männer an und wurde dann auch entsprechend vermarktet. "Männer sind Schweine" bekannten "Die Ärzte" und integrierten Lara in ihr Musikvideo. Vom Mousepad bis hin zur Kaffeetasse ist alles mit ihrem Abbild versehen worden. Selbst eine fast lebensgroße Figur wurde angeboten. Übrigens hatten eine ebenso große Verehrerschaft bei männlichen und weiblichen Computerspielern vor Lara zwei Männer inne: Mario und Larry Laffer.

Lula
An diese erfolgreiche Figur will die Fa. CDV mit "Lula" im Spielemix zwischen Adventure, Wirtschaftssimulation und 3D-Shooter "Wet Attack" anknüpfen. Auch Lula kann man auf allen möglichen Werbeträgern erwerben.

Kyoko
Im Jahr 1995 begann die Entwicklung der japanischen Kunstfigur Kyoko. Die Entwicklung des ersten virtuellen Idols mit den Traummaßen 83-56-82 unter dem Codenamen "DK96" (digital kids) zog sich 18 Monate hin. Dabei hat man besonders Wert auf perfekte Bewegungen und ihre Stimme gelegt. Inzwischen wird sie als repräsentative Werbefigur eingesetzt und es soll auch nicht billig sein, sie zu buchen. Kyoko wurde sogar eine eigene Biographie auf den künstlichen Leib geschneidert, in der auch etwas über ihre Schwächen und Vorlieben steht. So isst sie trotz ihrer Figur für ihr Leben gern Schokolade. Die Japaner müssen nur aufpassen, dass ihre Traumfigur Kyoko im Laufe der Zeit nicht zu alt wird, denn in der Agenda steht auch ihr Geburtsdatum: 26.10.79.

Webbie Tookay
Mit "Webbie Tookay" wurde das erste virtuelle Model vorgestellt. Ausgerechnet die Agentur Elite, welche die Topmodels Linda Evangelista, Naomi Campbell oder Cindy Crawford betreut und zum großen Erfolg verhalf, ist am Projekt des virtuellen Models beteiligt. Das Cyber-Model hat die optimalen Voraussetzungen, sich am hart umkämpften Markt der Modenschauen durchzusetzen, denn sie kann auf mehreren Veranstaltungen gleichzeitig auftreten und ist immer frisch und munter bei den Fotosessions. Ohne viel Schminkaufwand kann die Produktion jederzeit pünktlich über die Bühne laufen. Webbie wird wohl nur der Auftakt einer neuen virtuellen Model-Agentur werden, denn wenn der Markt andere Gesichter und Proportionen sehen will, dann kann dieses wohl in Zukunft ohne irgendwelche Genexperimente schnell und einfach am Computer geschehen.

Cornelia vom ZDF
Nach dem Einsatz von virtuellen Studios in Fernsehprogrammen stand dem realen TV-Moderator Cherno Jobatey in der ersten ZDF-Onlinenacht mit Cornelia erstmalig eine virtuelle Partnerin zur Seite. Cornelia ist zwar nur eine virtuelle Figur, besitzt aber die Originalgesichtszüge der real existierenden Cornelia Schliwa. Cornelias Aufgabe in der Sendung war es, Webtipps vorzustellen und kurze Dialoge mit dem realen Moderator zu führen. Ganz so einfach gestaltete sich die Arbeit im Studio aber nicht, denn in einem Interview antwortete Cherno Jobatey auf die Frage: "Ich stehe einfach vor einer blauen Wand. Gigantische Computer erzeugen diverse Hintergrund-Bilder und vor allem die knusprige Cornelia."

Kyoko

Vorstufe zum Cybersex?
Mit dieser Aussage bringt Cherno Jobatey den Grund für die Entwicklung von weiblichen Cyberfiguren auf den Punkt - sie treffen genau die Wurzel von männlichen Empfindungen, Wünschen und Träumen. Tomb Raider mit Lara in der Hauptrolle wurde ganz bestimmt nicht nur wegen des Spielgeschehens 15 Millionen mal verkauft, sondern die werbewirksamen sexuellen Attribute stehen im Vordergrund des Spielbesitzes. Lara Croft ist damit zur Galionsfigur für eine ganze Spielergeneration geworden und an diese Erfolge wollen Lula und Cornelia anknüpfen. Die leibhaftige Cornelia Schliwa nutzt gleichzeitig die Gelegenheit, ihre neue CD vorzustellen. Nadia Thalmann ging es noch um die technologische Entwicklung und Erforschung von 3D-Körpern und deren Animationsmöglichkeiten. Marilyn wurde als Modell unter dem Gesichtspunkt der Verehrung ausgewählt. Die neuen weiblichen Modelle sollen genauso ausgebeutet und vermarktet werden wie in der Wirklichkeit. Möglicherweise geht es bei der Platzierung von Cyberfrauen auch um die Prüfung der Akzeptanz, um auf diese Weise langfristig doch Modelle der Cybersextechnologie einzuführen.