10.07.: Projekt Lovescout auf der Loveparade gesch

Raver telefonierten zuviel

Der Jugendsender Fritz hat auf der Love Parade einen Reporter mit einem besonderen Kopfschmuck als Lovescout losgeschickt: den Kopf zierte ein Datenhelm, ausgestattet mit einer Kamera und einer mit Minibildschirm versehenen Datenbrille. Die Kamera war mit einem Computer und Videorecorder verbunden. Per Mobilfunk sollte für Radio Fritz versucht werden, Bilder, Töne und Texte vom Ort des Technospektakels direkt live ins Internet einzuspielen. Die überforderte Mobilfunktechnik machte dem geplanten Projekt jedoch vorzeitig den Garaus.

Lovescout

Pünktlich um 14 Uhr sind die Reporter mit dem 10 kg schweren Art+Com-Datenrucksack Urban Jungle Pack an den Start gegangen, doch ab 16:03 Uhr lief nichts mehr. Unter den ca. 1,4 Millionen Teilnehmern trafen wohl zu viele Mobiltelefonierer noch die letzten Partyverabredungen oder tauschten Neuigkeiten aus. Selbst der Standort des jeweiligen Lovescouts - per GPS ermittelt - konnte wegen der Mobilfunkblockade nicht übertragen werden.

Schade, daß das Projekt gescheitert ist, denn der Reporter sollte laut Projektbeschreibung sogar Emails austauschen und auf Wünsche der Internetgemeinde eingehen. Obwohl zur Übertragung der besonders aufbereiteten Datenströme zwei GSM 9.600 bit/sec Datenübertragungs-Module zum Einsatz kamen, haben die Projektbeteiligten wahrscheinlich nicht mit einer derartigen Netzüberlastung durch die fleißig telefonierenden Raver gerechnet. Bei der Generalprobe am Vortag hatte die Technik noch hervorragend mitgespielt.

Helmausstattung des Lovescout

In Zukunft will die Art+Com AG den voraussichtlich ab Herbst 1999 bereitstehenden schnelleren Standard HSCDS nutzen, der eine Verdreifachung der Datenübertragung ermöglichen würde. Die neuen Handys dagegen werden bei den Ravern wohl vorerst nicht in dieser Masse verfügbar sein. Art+Com will das bislang 30.000 Euro kostende "Urban Jungle Pack" aber nicht nur Radio- oder Fernsehstationen für Großveranstaltungen anbieten, sondern zum Beispiel auch im Lawinenrettungsdienst oder als City-Guide etablieren.

(Herz-)Blut, Schweiß und Liebe: Ein Bilderbericht von der Love Parade 99

Frank Rieger von Art+Com erklärt, warum es mit dem Lovescout Schwierigkeiten während der Love Parade gegeben hat:

Mit Interesse haben wir Ihren Beitrag auf http://www.heise.de bzw. Telepolis über den von uns durchgeführten Einsatz des Urban Jungle Pack auf der LoveParade gelesen. Uns verwunderte allerdings die doch etwas tendentiös gewählte Überschrift: "Projekt Lovescout auf der Loveparade gescheitert".
Von einem Scheitern des Projektes kann doch wohl angesichts des erfolgreichen Einsatzes am Vortag und dem guten Betrieb bis ca. 16 Uhr keine Rede sein. Gescheitert ist hier höchstens die DeTeMobil, deren GSM-Karten wir für die Daten- und Sprachkommunikation verwendet haben.

Daß wir mit einer GSM-Netzwerküberlastung nicht gerechnet haben, ist eine ziemlich leichtfertige Unterstellung. Jeder Mobilfunknutzer in Berlin, der während einer LoveParade oder einem anderen Großereignis in der Stadt war, kennt die dabei entstehenden Netzprobleme. Wir hatten deshalb im Vorfeld Kontakt mit dem bei der Telekom für die Netzkonzeption während der LoveParade Verantwortlichen aufgenommen.

Dieser versicherte uns, daß die Kapazitäten entsprechend den Erfahrungen der letztjährigen Parade, der Zunahme der D1-Handybesitzer in der entsprechenden Altersgruppe und einem zusätzlichen Sicherheitsfaktor ausgebaut wurden und daher die Wahrscheinlichkeit von Störungen sehr gering sei.

Um alle Eventualitäten auszuschließen, versuchten wir zudem, priorisierte SIMs zu erhalten, die eine bevorzugte Kanalzuteilung beinhalten. Diese SIMs werden normnalerweise nur an BOS-Dienste vergeben. Da die Zuteilung dieser Karten aber über die RegTP mit diversen Regulierungen und Verordnungen läuft, war uns hier kein Erfolg beschieden, und es blieb uns nichts weiter übrig, als auf die Zusage der Telekom zu bauen.

Es gab dazu keine realistische Alternative, da es derzeit leider in Deutschland kein anderes nennenswertes mobiles Datenkommunikationsnetz als GSM gibt und die anderen GSM-Provider genau die gleichen Probleme hatten. (VIAG funktionierte auf der Parade zwar noch einige Minuten länger, hat aber so viele generelle Netzprobleme, daß die Wahrscheinlichkeit von Ausfällen durchschnittlich höher gelegen hätte).