11.06.: Internetjugend – ausgehorcht und angeschwä

Mit markigen Worten stellte der Freizeitforscher Horst Opaschowski seine neueste Jugendstudie „Generation @“ vor: „Aus den Kindern von Karl Marx und Coca-Cola sind mittlerweile die Kinder von Walt Disney und Bill Gates geworden“. Hätte er den Befragten diese Frage gestellt, dann wäre der als seriös geltende Leiter des Freizeitforschungsinstituts des British-American Tobacco ( B.A.T.) sicher zu einer anderen Typisierung gekommen. Denn die heutigen Kinder und Jugendlichen sind bestenfalls die Enkel der Karl Marx-Generation und Coca-Cola präsentiert schon lange kein Lebensgefühl mehr, sondern ist nur noch ein Getränk unter vielen. Würde man eine Befragung zu der Bill Gates-Typisierung durchführen, würden nach der Veröffentlichung wahrscheinlich sofort die Microsoftaktien binnen Minuten fallen. Die Jugend setzt gerade nicht auf Microsoft, sondern wendet sich gegen den Monopolismus hin zu Linux. Das wiederum ist typisch für eine rebellische, sich dem Etablierten widersetzende Jugend. Also doch die Urenkel von Karl Marx, die Enkel der 68er oder einfach die Kinder ihrer Zeit.

Weil die jungen Menschen die Medien wie selbstverständlich nutzen, zieht Opaschowski das Fazit: Die Generation @ lebt "aus Angst, im Leben etwas zu verpassen, rastlos nach der Erlebnisformel 'Leben minus Langeweile', auch wenn dies mitunter einem Leben aus zweiter Hand gleicht ... Sie machen sich selbst zu gehetzten Akteuren, die das Gefühl haben, sie kämen andauernd zu spät."

3000 Kinder und Jugendliche zwischen 14 und 29 Jahren wurden nach ihren Lebens-, Konsum- und Mediengewohnheiten befragt. Zu den liebsten Freizeitbeschäftigungen gehören das Fernsehen (89 %), das Radio (70 %), das Telefonieren (64 %), Musik-CDs (63 %), Videofilme (44 % - Gesamtbevölkerung: 24 %), Bücher (35 %), Computer (27 % - Gesamtbevölkerung: 14 %) und Videospiele (20 % - Gesamtbevölkerung: 7 %). Mal ehrlich, wen wundern diese Zahlen? Das ist das typische Medienangebot, und immerhin geben sich 35 Prozent der Befragten noch dem Lesen hin. Hier wäre einmal eine vergleichende Erwachsenenstudie interessant. Kinder und Jugendliche besitzen allerdings die Fähigkeit, vieles gleichzeitig zu nutzen. Wer ein Buch liest, hört gleichzeitig Radio oder Musik, oder wer im Internet surft, schaltet den CD-Player nicht aus.

  • Die Frage 'Was zuerst?' oder 'Wieviel wovon?' beantwortet die gestreßte junge Generation in ihrer Zeitnot mit Zeitmanagement: In genausoviel Zeit werden mehr Aktivitäten 'hineingepackt' und untergebracht, schnell ausgeübt oder zeitgleich erledigt.

Es ist schon eine merkwürdige Forscherethik, wenn man ein Forschungsergebnis mit entsprechenden Schlagzeilen der Öffentlichkeit präsentiert. So schallt es bei der Veröffentlichung heraus: „Die Kinder der Jahrtausendwende machen die Welt zum globalen Dorf. Das Heim wird zum Boxenstop und das Leben zum Terminal multipler Identitäten. Das Surfen um die Welt kann am Ende heimatlos machen.“ Hier zeigt sich deutlich der pädagogische Zeigefinger des Erziehungswissenschaftlers, dem die Nutzungsmöglichkeiten im Chat und WWW wohl eher ungewöhnlich und wenig geeignet erscheinen, soziale Kompetenzen zu erwerben. So warnt er sogleich: „Die inflationären Kontakte im elektronischen Netz bleiben oberflächlich und können beständige Beziehungen nicht ersetzen. ... Gemeinsamkeit wird durch temporäre Allianzen bzw. pragmatische Bindungen auf Zeit ersetzt.“

Glaubt der Forscher wirklich die Mär, daß diese User keinerlei weiteren Kontakte haben? Sieht er nicht, wie sich Userstammtische von Chatgemeinschaften regelmäßig treffen? Hier relativiert sich das Bild vom einsamen, gefährdeten, anonymen User. Man hat den Eindruck, als ob der Freizeitforscher die Jugend nur als Opfer der elektronischen Medien sieht. Allerdings zeigt diese Studie auch, daß sich ein großer Teil der Jugendlichen von der Medienwelle förmlich überrollt fühlt und sich dem Internet verweigert. Der gleiche Opaschowski wird nun auch in seinem eigenen vorschnellen Urteil korrigiert, denn vor knapp zwei Jahren prognostizierte er noch, daß der Multimediarausch nicht stattfände und es 10-20 Jahre brauche, um derartige generative Verhaltensänderungen anzunehmen.
Die „Just-do-it-Generation“ folge ihren eigenen Prinzipien: „Sie will helfen – freiwillig, selbstbestimmt und aus Freude. Helfen aus Spaß, nicht helfen aus Pflicht“, so das Fazit der Befragung. Eine Antwort, die eine Forschungsannahme unterstellt: Nehmen Kinder und Jugendliche ihre soziale Verantwortung ernst? Erkennt der Forscher nicht, daß wir eine sensible und mitleidende Jugendgeneration haben, die betroffen auf die Bilder aus dem Kosovo reagiert hat und sich spontan (und hoffentlich auch mit viel Lust und Liebe) zu Spendenaktionen entschloß? Diese Jugend zeigt sich spontan, flexibel und allem Neuen zugeneigt. Sie hinterfragt nicht immer alles, sondern probiert es aus und macht dabei Erfahrungen. Und hat dabei das Recht, auf die Nase zu fallen! Mit diesen Erfahrungen wird zur Zeit auch das Internet erobert und es trägt bei zu der allseits geforderten Medienkompetenz. Sie entwickelt eigene Methoden der Herangehensweise an das neue und unbekannte elektronische Medium. Sie erobert sich die Welt, die Welt in der sie später arbeitet und lebt. Und die Marketingabteilungen, für die diese Studie wohl auch gedacht ist, stehen schon längst in den Startlöchern, denn die ausgeforschte Gruppe ist eine der kaufstärksten im Netz.

Das Buch „Generation @“ von Opaschowski ist im Buchhandel erhältlich.