21.12.: Nachrichtenstar für RTL II
Nachrichtenstar für RTL II
Psychologische Aufarbeitung eines Medienalltages: 5 Stunden für einen Satz vom Experten
Da ruft eine nette weibliche Stimme aus der RTL II Nachrichtenredaktion an und fragt, ob man denn der Jugendschutzexperte sei und vielleicht ein paar Fragen für die Hauptnachrichtensendung am Abend beantworten würde. Kein Problem denkt man, sagt schnell spontan zu und fühlt sich schon als heimlicher Fernsehstar. "Aber, das soll heute Abend schon gesendet werden, haben Sie denn Zeit?" Skeptisch überdenkt man den Tagesplan: Da wäre noch ein Gutachten zu schreiben, an einem Faltblatt zu Ballerspielen herumzufeilen und die neuesten Exponachrichten sollen auch nicht zu alt werden. Kurzum, eigentlich keine Zeit. Aber warum sollte ich nicht im Fernsehen zur besten Zeit ein Statement abgeben, schließlich bin ich da Experte und dann über Computerspiele - passend zu Weihnachten? Haben die sich bei RTL II wahrscheinlich auch gedacht.
Also werden in einer Sekunde alle Bedenken beiseite geschoben. "Also, frühestens am Nachmittag, damit ich wenigstens einen Teil meiner Arbeit schaffe", höre ich mich schon zusagen. "Gut, dann schicke ich Ihnen ein Team vorbei", säuselt die nette Stimme. Halt, klingeln die Alarmglocken, das kommt nicht in Frage. Ein Fernsehteam in der Wohnung? Mein Arbeitszimmer sieht aus wie ein mittleres Schlachtfeld. Und überhaupt, in einem Kaufhaus kann man doch gleich noch die aktuellen Spielverpackungen abfilmen. Wir einigen uns schließlich, dass ich das Aufnahmeteam in einem Kaufhaus treffe, da können sie sogar ein Stativ aufstellen.
In Hannover stehe kein Team zur Verfügung, aber aus Hamburg mache sich sofort eins auf den Weg, teilt mir die nette Stimme aus Köln in einem zweiten Anruf mit. Wieder habe ich mir nicht den Namen gemerkt. Der Redakteur würde mich gleich anrufen, aber wir könnten ja schon mal den Fragenkatalog durchgehen. Fragenkatalog und Nachrichtensendung? Ich wundere mich zwar still und heimlich, denn selten bleibt für einen Nachrichtenbeitrag mehr Zeit als neunzig Sekunden. Mein Selbstwertgefühl steigt und wir gehen die Fragen durch. Klingt zwar alles vernünftig, ist es aber nicht, sondern zeigt die Ahnungslosigkeit von der Materie. Denn die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) indiziert keine Spiele! Nun gut, schließlich bin ich der Experte. Also, kleiner Extrakurs für die Redakteurin und schon hat sie den Bildungsgrad, den ich mir in den letzten 15 Jahren angeeignet habe.
Immerhin sieht es so aus, als ob ich wirklich gefragt werde und nicht für ein schon festgelegtes Regiebuch nur eine Statistenrolle spielen soll. Schon oft wurden Fachleute solange gefragt, bis sie endlich das sagten, was den Fernsehmachern gerade im Kopf rumspukte.
Prompt meldet sich danach der Redakteur aus dem Auto, der sich bereits auf Fahrt von Hamburg nach Hannover befindet. Ich beschreibe kurz, wie man von der Autobahn über die Schnellwege zum Treffpunkt kommt - und das bis viertel vor drei Uhr. Damit habe ich nicht ganz zwei Stunden gewonnen, um wenigstens die Gutachten fertig zu bekommen, mir die Haare zu waschen, ein Hemd zu bügeln und die verdammte Krawatte zu suchen. In Gedanken höre ich schon meine Schwiegermutter und rasiere mich extra für sie. Kurz noch meine Frau informiert, die ist gerade in Hannover. Ich schlage vor, dass wir uns am Drehort treffen, und hoffe insgeheim, dass wir heute Abend zur Feier des Tages essen gehen. Schließlich kommt man als Experte nicht jeden Abend in die Hauptnachrichten.
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Ins Auto geschwungen und ab geht es auf die Bundesstraße. Zum Glück ist die Rübenkampagne vorbei, aber der Fahrschulbus nervt doch die ersten zehn Kilometer auf der Fahrt zum Elektronikmarkt. So zwischendurch gehen einem noch ein paar Gedanken durch den Kopf, was ist wichtig zu sagen, hauen sie einen nicht wieder in die Pfanne, was will ich in jedem Fall sagen und wie bleibt man als Experte den Zuschauern in Erinnerung. Als Pädagoge ist man schließlich auch ein Stück Entertainer, oder? Ich bin sogar noch vor dem Fernsehteam beim Makromarkt in Hannover angekommen. Also schaue ich mir schon einmal die Spiele an und was muss ich entdecken? Da steht doch tatsächlich ein USK-18er-Titel im Regal und ich finde prompt zwei weitere.
Das darf ja nicht wahr sein, denn der Marktleiter hatte mir vor etwa sechs Wochen in einem Recherchegespräch erzählt, dass solche Titel in Zukunft nur noch auf Nachfrage erhältlich seien. Zwar ist kein Marktleiter verpflichtet, diese Titel aus den Regalen zu nehmen, aber mich ärgert es trotzdem, denn unbedenklich sind diese Spiele eben nicht. Oft fehlt leider nur der Antrag auf Indizierung bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften und dann wäre auch die Rechtsgrundlage für die Entfernung gegeben. Aber schließlich bin ich nicht hier, um mich als oberster Jugendschützer aufzuspielen. Aber diese Situation ist typisch, vor sechs Wochen war ich zumindest von dieser freiwilligen Absicht angetan, denn die Kassiererinnen sollten selbst Ausweiskontrollen vornehmen. Im Weihnachtsgeschäft hätten sie so viele Titel bekommen, höre ich beim Marktleiter durchklingen. Ich höre nur noch halbherzig zu, denn schließlich will ich gleich ein paar wichtige Fragen direkt in die Kamera beantworten.
Endlich, mein Handy klingelt: "Wir sind jetzt am Markt und drehen mal eben noch ein paar Außenaufnahmen." Langsam kriege ich Kaffeedurst, denn Zuhause trinke ich oft um diese Zeit einen Becher, hier gibt es aber weit und breit keinen. "Werde ich etwa nervös?", denke ich so vor mich hin, aber da erscheint schon der Redakteur mit seinem Team. Schnell wird die Kamera aufgebaut und der Herr geht kurz noch einmal die Fragen der netten Redakteurin mit mir durch. Damit mir wirklich nicht eine falsche formulierte Frage gestellt wird, erfolgt prompt noch einmal mein Exkurs und ich ärgere mich schon fast. Schon wieder keine Ahnung von der Materie und diese Leute machen dann auch noch meinungsbildende Beiträge für das Fernsehen. Ich erwische mich bei der Idee, eine eigene Produktionsgesellschaft zu gründen und wirklich fachgerechte Beiträge fürs Fernsehen abzuliefern. Und noch ein fast bösartiger Gedanke durchkreuzt meine Konzentration auf das Interview: Diese Journalisten sind genauso besserwisserisch wie Lehrer. Aber das stimmt ja nicht, wie ich aus vielen Lehrerfortbildungskursen weiß. Wie immer sind Anwesende und Leser von dieser goldenen Grundregel ausgenommen.
Die Kamera ist eingerichtet und endlich werden mir die sechs oder sieben Fragen gestellt. Gut, zugegeben, zweimal habe ich mich verhaspelt, also kurz noch einmal aufgezeichnet. Der Ton ist prima und die Kollegin lächelt mich Gewinn bringend an. Das kenne ich aus Seminaren, einen netten Fixpunkt suchen und dann nur noch mit diesem sprechen. Es läuft wie geschmiert, die Fragen sind abwechslungsreich und spiegeln die Palette der jugendschutzrelevanten Aspekte von Computerspielen wieder. Sachlich schaue ich - wie verabredet - bei den Fragen nach Gewaltspielen an der Kamera vorbei. Bei den Tipps nach Kriterien für empfehlenswerte Spiele mache ich - selbständig - ein nettes, freundliches und offenes Gesicht.
Keine fünf Minuten hat die kleine Fragestunde gedauert und nun sollen noch ein paar Begleitaufnahmen gemacht werden. Eben wie ich so als strenger Jugendschützer durch die Reihen gehe und gezielt auf so einen "bösen" Titel zusteuere. Die Position der Kamera behagt mir nicht, denn der Bursche zielt von unten nach oben auf meinen Körper, Gesicht und dann auf die Spielverpackung. Meine Wampe wird also deutlich im Bild zu sehen sein und aus der Position überdimensional erscheinen. Pech gehabt, denke ich, aber so liebt dich deine Frau eben auch. Dann noch eine Aufnahme beim Beobachten eines spielenden Kindes an der neuen Dreamcast und schnell ein 18er-Playstation-Titel. Hier erfolgt die Aufnahme von hinten auf den Titel übergeblendet. Ich bin abgedreht, das Team macht noch ein paar andere Aufnahmen.
Nach einer drei viertel Stunde gehe ich mit dem Marktleiter endlich einen Kaffee trinken. Dabei diskutieren wir eifrig über die Schwierigkeiten zur Durchsetzung beim Jugendschutz. Ein nettes und offenes Gespräch bei einem Hauch von Automatenkaffee. Nach einer weiteren halben Stunde stoße ich noch einmal zu dem Team, verabschiede mich höflich und finde meine Frau bei den CDs und ahne Schlimmes. Kurzum, die neuen CDs haben mich dann 143,96 Mark gekostet und sind natürlich das Geburtstagsgeschenk... Daraufhin entschließe ich mich, nichts von meinen geheimen Essensplänen zu erzählen und schlage vor, bei meinem Bruder einen kräftigen Kaffe zu trinken sowie kurz mal die neuen CDs zu hören. Auf dem Nachhauseweg kaufe ich dann noch zwei halbe Grillhähnchen und das schnelle "feierliche" Abendessen ist gewährleistet.
Nebenbei wird der Fernseher eingeschaltet und der Videorekorder vorbereitet. Zwischendurch - vor einer Werbepause - werden schon die "News", also die Nachrichtensendung von RTL II, angekündigt und der Aufmacher sind auch prompt die Spiele. Punkt acht geht es los, achtlos werden die ersten Nachrichten gehört, denn die Fixierung ist natürlich auf meinen Beitrag gerichtet. Der Videorekorder läuft nach der Übungsphase problemlos an und wird fortan kein gewichtiges Wort von mir verpassen. Dann wird der Beitrag anmoderiert, im Hintergrund sieht man einen Jungen am Computerbildschirm und darunter steht der Aufmacher: Brutale Games. Mit den ersten Bildern aus den Regalen beginnt der Beitrag. Da bin ich kurz im Bild bzw. meine Schulter und mein Hinterkopf bilden die Startbasis für den Schwenk auf den Playstationtitel. Dann folgen brutale Bilder, ein Schwenk über die Regalreihen und die Überblendung auf mich. Mein Gefühl hat mich nicht getäuscht, es kommt unweigerlich der Schwenk über meinen Bauch. Vielen Dank, lieber Kameramann.
Gleich nach dem überblendeten Totenkopf darf ich endlich den ersten Satz sagen: "In den letzten fünf Jahren wurden 4.700 Computerspiele getestet und davon sind ca. fünf bis sechs Prozent als bedenklich eingestuft worden." Dann wird noch das USK-Siegel "Nicht geeignet unter 18 Jahren eingeblendet" und darauf hingewiesen, dass diese Spiele extrem gewaltverherrlichend sind. Dann höre ich auf einmal von der Moderatorin die Empfehlungen, die ich am Nachmittag im Interview genannt hatte. Doch im Bild tauche ich weder als Statist noch als Experte noch einmal auf.
Nun stellt sich die Frage, welche Rolle habe ich da eigentlich gespielt? War ich der Jugendschutzexperte, der wirklich nur einen kurzen Satz von sich geben kann und dann spricht die Moderatorin meinen Text? Habe ich denn inhaltlich zur Thematik nichts mehr zu sagen? War ich als Statist missbraucht worden und habe dafür - ohne Honorar - meine Arbeit liegen gelassen? War dieser eine Satz wirklich den Gesamtaufwand von fünf Stunden wert?
Aber es hat schon etwas gebracht: Meine Frau hat in dem Markt fünf CDs abgestaubt und sitzt glücklich vor der Stereoanlage, während ich mit diesem Text meine Gedanken ordne. Na, wenigstens etwas!