26.08.: Lernsoftware von Aldi unter der Lupe
"Eigentlich kann man doch für das wenige Geld beim Kauf nichts falsch machen."
"Eigentlich kann man doch für das wenige Geld beim Kauf nichts falsch machen", so eine Aldi-Kundin am Verkaufstag der Aldi-Lernsoftware. Am 21.07. hat Aldi-Nord drei Lernpakete, eine Woche später Aldi-Süd vier verschiedene Pakete angeboten. Im Vorfeld sickerte durch, dass es sich bei der angebotenen Lernsoftware um Programme aus renommierten Fachverlagen handeln sollte. Weitere Recherchen ergaben, dass der BHV-Verlag und der Schulbuchverlag Schroedel über Aldi eine Zweit-, wenn nicht sogar eine Drittvermarktung vornahmen. Was ist nun wirklich drin?
Im Vorfeld der Verkaufsaktion zeigte sich deutlich, dass die beteiligten Verlage offensichtlich nicht an einer Transparenz ihres Angebotes interessiert waren. Der Tandem-Verlag, der die Aldi-Sonderausgabe zusammenstellte, verweigerte auf Nachfrage Besprechungsexemplare vorab und lehnte weitere Stellungnahmen kategorisch ab. Die Pressesprecherin vom Schulbuchverlag Schroedel wusste bei einer telefonischen Anfrage von nichts. Erst später rief man von der Geschäftsleitung noch einmal an und bat darum, den Namen Schroedel bzw. den Namen des Produktes doch aus der Ankündigung herauszulassen, zumal es sich um besonders gestaltete Versionen handele, die mit dem derzeitigen Verkaufsprogramm nichts gemein hätten. Es sei eine Sonderedition, wofür man die Lizenzen verkauft habe. Die gleiche Spielart beim BHV-Verlag, erst weiß man von nichts und dann - fast wie aus heiteren Himmel - platzt es aus dem Pressesprecher heraus, man habe doch wohl ein Recht auf Zweitvermarktung. "Und überhaupt könne doch der Käufer von einem 10-Mark-Produkt nicht die aktuelle Programmversion erwarten", so Herr Schulz vom BHV-Verlag.
Aldi-Lernsoftware entschlüsselt
Das Ganze erschien dann doch so dubios, dass ich eine Sichtung der Software beschloss, um herauszufinden, ob es sich wirklich um "hoch qualifizierte Lernsoftware aus dem Discount" handelt. Am 21.07.99 morgens um 9 Uhr muss man sich bei der Ladenöffnung von Aldi-Nord schon ziemlich ranhalten, denn die Software ist neben den anderen Schulartikeln sehr begehrt. Nach einer halben Stunde in der Kassenschlange und netten Gesprächen über die angebotenen Schnäppchen habe ich die Lernpakete Physik, Chemie & Biologie und Mathematik erstanden. Zur Bewertung werden der Kinder-Software-Ratgeber von Thomas Feibel und die Sodis-Datenbank des Landesinstitutes für Schule und Weiterbildung herangezogen. Wobei anzumerken ist, dass beide subjektive Bewertungen von Einzelpersonen enthalten, die aber als Fachleute anerkannt sind.
Lernpakete Aldi-Nord
Alle Lernpakete befinden sich in einer großzügigen Verkaufsverpackung und sind jeweils mit einem Handbuch versehen. Die fast DIN A4 großen Handbücher haben einen Umfang von bis zu 400 Seiten. Auf den Paketen Mathematik und Physik wird auf ein Urteil "sehr gut" der Computerzeitschrift PCgo! verwiesen. Im gleichen Kasten ist angegeben, dass es sich um eine "Lizenzausgabe der getesteten Originalversion" handelt. Ein Qualitätsmerkmal ist dieser Verweis allerdings nicht, zumal die PCgo! keine Testkriterien offen legt. Aber welcher Käufer weiß schon, dass Auszeichnung nicht gleich Auszeichnung ist. Auf der Verpackung findet sich kein Hinweis, aus welchem Verlag die Software stammt, lediglich im Handbuch ist eine Hotline-Telefonnummer abgedruckt.
Aldi-Nord: Lernpaket Chemie & Biologie
Beim Lernpaket Chemie & Biologie handelt es sich um das BHV-Programm "WinFunktion 8.0" mit einem Handbuch von 107 Seiten. Aktuell wird zurzeit die Version WinFunktion 9.0 verkauft. Diese soll laut Verpackung mit 20 neuen und 25 erweiterten Programmteilen ausgestattet sein. Die Installation des Programms erfolgt unter Windows 98 problemlos, allerdings wird man es nicht so schnell wieder los, denn eine Deinstallation ist nicht vorgesehen. Auch in der Neuauflage ist keine Deinstallation vorhanden.
Das Programm präsentiert sich als sehr umfassendes Lexikon, wobei man hier im klassischen Sinn nicht von einem Lernprogramm sprechen kann. Die Definition zu einem Lernprogramm würde folgende Lernschritte umfassen: 1. Einführung in das neue Thema, 2. Vertiefungsphase und 3. Übungsphase. Das Nachschlagewerk eignet sich für alle Jahrgangsstufen, in denen die Fächer Chemie und Biologie gelehrt werden. Eine klassen- bzw. altersspezifische Einteilung wurde nicht vorgenommen.
Fazit: Für 12,98 DM erhält man ein umfassendes Lexikon, aber kein Lernprogramm. Im Kinder-Software-Ratgeber 1999 findet das Programm keinerlei Erwähnung. Die Sodis-Datenbank hält das Programm für ein hervorragendes Nachschlagewerk.
Aldi-Nord: Lernpaket Physik
Wie nicht anders erwartet, beinhaltet dieses Lernpaket das BHV-Programm "WinFunktion Physik 8.0" und präsentiert sich wie die Chemie & Biologie-Version als sehr umfassendes Nachschlagewerk. Es ist ebenfalls keine Deinstallations-Routine vorgesehen. Dem Lernpaket liegt ein 205 Seiten umfassendes Handbuch bei. Auch hier gibt es inzwischen die Neuauflage in Version 9.0, die inzwischen 15 neue und 60 erweiterte Programmteile beinhalten soll.
Fazit: Feibel führt zum Programm nichts aus, die Sodis-Datenbank kommt zu folgender Bewertungszusammenfassung: "Als Formelsammlung und Tabellenwerk ist das Programm nur bedingt geeignet. Seine Stärken liegen in den Berechnungsstellen, einschließlich der komfortablen graphischen Darstellungsmöglichkeiten und der Auswertung von Messreihen. Die Simulationen können im Unterricht durchaus hilfreich sein, die behandelten Themen sind jedoch recht willkürlich ausgewählt und decken nur einen sehr engen Bereich der möglichen Simulationen für den Physikunterricht ab. Dem selbstgewählten Anspruch, Lehrern, Schülern (...) Unterstützung zu geben (Handbuch S. 7), wird das Programm zwar gerecht, aber dieser Anspruch ist zu beliebig, um es zu einem empfehlenswerten Programm zu machen." Als Lernprogramm kann man das 12,98 DM teuere Produkt auch nicht bezeichnen.
Aldi-Nord: Lernpaket Mathematik
Auch dieses Lernpaket stammt aus dem BHV-Verlag und beinhaltet das Programm "WinFunktion Mathematik 8.0". Diesem Paket liegt das umfangreichste Handbuch mit über 400 Seiten bei. Das Produkt enthält hauptsächlich eine Formelsammlung. Auch hier kann inzwischen die Version 9.0 erstanden werden. Das aktuelle Handbuch ist ein Wälzer von 750 Seiten.
Fazit: Der Kinder-Software-Ratgeber hält wiederum keinen Rat parat. Die Sodis-Datenbank stellt in der elektronischen Formelsammlung Unkorrektheiten fest, hält aber auch den unterstützenden Einsatz im Unterricht für möglich. Unverständlich von den Sodis-Testern, diese Software dennoch als "Beispielhaft" zu bewerten. Damit wirbt BHV dann auch gleich auf der neuen Verpackung. Unkorrektheiten dürfen auch in einem Aldi-Produkt im Wert von 12,98 DM nicht auftauchen.
Die Aldi-Kundin sollte also doch Recht behalten, denn für das bisschen Geld konnte man beim Kauf der Nord-Lernpakete wirklich nichts falsch machen. Allerdings stimmte die weit verbreitete Pressemeldung auch nicht, dass man Software im Wert von 70 DM erhalten würde. Alle angebotenen Programme liegen hier in einer älteren Ausgabe vor. Inzwischen gibt es davon aktuelle, überarbeitete Verkaufsversionen, die hoffentlich auch fehlerbereinigt (WinFunktion Mathematik 8.0) sind.
Lernpakete Aldi-Süd
Bei Aldi-Süd wurden gleich mehrere Programmpakete angeboten, so gab es zum Beispiel vom Lernpaket Deutsch gleich drei Ausgaben mit jeweils zwei Klassenstufen zu erwerben. Aus diesem Grund wurde nur jeweils eine Klassenstufe gekauft, installiert und getestet.
Ein Verdacht: Alte Rechtschreibung
Auf das Deutsch-Lernpaket war ich besonders gespannt, denn nach dem Eiertanz der Presseabteilungen bzw. der Geschäftsleitung keimte der Verdacht, dass hier still und heimlich eine ältere Version mit der alten Rechtschreibung noch einmal über Aldi verkauft werden sollte. Um das Ergebnis gleich vorwegzunehmen: Die Software ist sowohl für Schleswig-Holstein als auch für die übrigen Bundesländer geeignet, denn sie bietet die Wahlmöglichkeit.
Aldi-Süd: Lernpaket Deutsch, Englisch und Mathematik
Schon vor dem eigentlich Kauf wurde bekannt, dass es sich bei diesen drei Programmen um Software aus dem Schroedel-Schulbuch-Verlag handeln würde. Am Ursprungstitel war nicht lange zu raten, denn hier kommt eigentlich nur das Programm Alfons in Frage. Alfons wurde in Zusammenarbeit mit dem Verein für angewandte Lernforschung e.V. und dem Fachbereich Sozialpädagogik der Universität Bamberg entwickelt. Ursprünglich wurde es als Diskettenversion noch selbst vermarktet. Der Durchbruch gelang in enger vertrieblicher Zusammenarbeit mit dem Schroedel-Verlag aus Hannover.
Das Programm arbeitet nach dem Prinzip drill-and-practice, d.h. es werden fortlaufend Aufgaben gestellt, die vom Übenden zu erfüllen sind. Viele Aufgaben werden vorgesprochen bzw. Diktate müssen nachgeschrieben werden. Leider ist es oft zu verführerisch, aus einer Auswahl die richtige Lösung per Mausklick zu suchen. Hier wäre eine konsequente Lösungseingabe per Tastatur gefordert. Trotzdem bietet das Programm vielfältige Aufgaben. Nach eigenen Angaben soll jedes Programmpaket ca. 15.000 Aufgaben enthalten. In der Aldi-Version erhält der Übende jedoch nicht gleich eine Rückmeldung, ob der Lösungsvorschlag richtig oder falsch ist. Aber nach jeder Aufgabenrunde werden die falschen Lösungen noch einmal als Aufgabenstellung vorgelegt. Methodisch sinnvoll wird nicht gleich die Lösung vorgestellt, sondern erst eine kontextbezogene Hilfe eingeblendet. Diese Hilfetexte stehen während der Übungseinheit auch immer zur Einsicht zur Verfügung. Aufgelockert wird jede Übungseinheit durch kleine Spielchen, wobei den Machern von Alfons weniger ein Belohnungsprinzip vorschwebte als vielmehr eine Entspannungsphase zwischen den Aufgaben. Daran können sich Nachhilfeinstitute ein Beispiel nehmen, denn Kindern kann nicht nur fehlender Unterrichtsstoff eingebläut werden, sondern sie brauchen am Nachmittag auch einmal kleinere Entspannungseinheiten. In einem umfassenden Protokoll können die Kinder und auch die Eltern die Lernfortschritte nachlesen.
Fazit: Thomas Feibel vom Kinder-Software-Ratgeber: "Als Diskettenprogramm ein netter Pinguin, als Multimediaprogramm ein Alptraum mit Flossen". Zur Ehrenrettung von Alfons muss man Herrn Feibel aber attestieren, dass er eindeutig multimedial aufgepeppte Programme bevorzugt. Die Sodis-Datenbank zur aktuellen Verkaufsversion der Alfons-Lernwelt: "Es wird von einer ausführlichen Bewertung abgesehen, da bei der Vorprüfung festgestellt wurde, dass das Softwareprodukt ein geschlossenes Lern- und Übeprogramm darstellt, das gegenüber herkömmlichen Medien und Methoden keine Vorteile erwarten lässt."
Zumindest kann man noch einmal ausdrücklich festhalten, dass die Aldi-Käufer für 9,98 DM pro Lernpaket ein wirkliches Schnäppchen kaufen konnten, denn die gleiche Version wird zurzeit bei Schroedel in Hannover für 29,90 DM verkauft.
Aldi-Süd: Lernpaket Chemie, Biologie, Physik
Die Aldikäufer im Süden konnten zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, denn auf der gleichen CD-ROM befinden sich zwei Lernpakete, die bei Aldi-Nord für jeweils 12,98 DM zu erwerben waren. Für 9,98 DM finden die Lernbegierigen jeweils "WinFunktion Chemie & Biologie 8.0" und "WinFunktion Physik 8.0" aus dem BHV-Verlag vor.
Gesamtfazit
An der Software ist bis auf die von der Sodis-Datenbank angeprangerten Unkorrektheiten nichts auszusetzen. Wer vorher dachte, dass hier wirklich ein Sonderverkauf von aktueller Lernsoftware stattfand, ist leider auf eine falsche Werbeaussage hereingefallen. Bei solchen Verkaufsaktionen handelt es sich immer um Formen der Zweit- bzw. Drittvermarktung. Das bedeutet in der Regel nicht, dass hier mangelhafte Ware angeboten wird, sondern höchstens veraltete Versionen, die aber auch noch auf älteren Rechnern installiert werden können.
Insofern spricht nichts gegen eine Zweitvermarktung, wenn dem Kunden wirklich hochwertige Software angeboten wird. Verständlich, dass sich die Verlage noch einmal ihre "Kriegskassen" (Zitat aus den Telefonaten mit beiden Verlagen) auffüllen wollen. Doch stellt sich die Frage, warum sich die Verlage so mimosenhaft anstellen und nicht öffentlich zu dieser Sonderveröffentlichung stehen. Von einem Schulbuchverlag, der eigentlich für eine seriöse Arbeit steht, sollte man eine andere Informationspolitik erwarten, zumal im eigenen Haus zum gleichen Zeitpunkt eine Sonderverkaufsaktion stattfindet.
Und Aldi? Aldi hat es mal wieder allen Kunden bewiesen: Für das bisschen Geld kann man nichts falsch machen!