05.03.: Der virtuelle Lehrer-Bildung zum Anfassen

Impressionen von der Bildungsmesse Interschul/didacta

Der Lehrer der Zukunft wird seine Schüler anonym auf die Anforderungen in der Schule vorbereiten. Intel plant, 100.000 Lehrer auszubilden. Fast alle großen Schulbuchverlage bieten inzwischen einen Online-Lernbereich an oder bereiten ein entsprechendes Angebot vor. Das waren die Trends der diesjährigen Bildungsmesse Interschul/didacta in Köln. Im nächsten Jahr vom 19. bis 23. Februar 2001 in Hannover werden noch mehr Anbieter aus dem Aus- und Weiterbildungsbereich vertreten sein.

Fast 800 Aussteller boten eine umfassende Leistungsschau der Bildungsmedienwirtschaft und ein sehr breites Rahmenprogramm mit zahlreichen Vorträgen, Seminaren und Podiumsdiskussionen. Davon hatten fast 400 Aussteller spezielle Angebote, die auf Lehrer, Referendare und Studenten der pädagogischen Fachrichtung abgestimmt waren. Präsentiert wurden neue Lehr- und Lernmedien der unterschiedlichen medialen Ausrichtungen sowie pädagogische Dienstleistungen für den schulischen Unterricht

Das Rahmenprogramm der Bildungsmesse bot über 400 Einzelveranstaltungen mit Neuigkeiten und Tipps für die Schule und den Unterricht. Möglicherweise werden derartige Messen die traditionelle Lehrerfortbildung in Zukunft ablösen und die Lehrer schubweise durch die diversen Workshops schleusen. Nicht umsonst wurde das Angebot als die größte "Lehrerfortbildungsveranstaltung Deutschlands" beworben. Aus diesem Grund erhielten die Lehrer in fast allen Bundesländern zum Besuch der Bildungsmesse Interschul/didacta eine Dienstbefreiung, Zuschüsse für die Anreise im Bus und gruppenermäßigte Eintrittspreise. Bleibt nur die Frage der nachhaltigen Wirkung solcher Fortbildungsveranstaltungen auf die schulinternen Prozesse.

Sonderschauen

Besonders intensive Eindrücke konnte man auf den Sonderschauen der Bildungsmesse erzielen. Im Sinneslabyrinth durften die unterschiedlichsten Spielgeräte ausprobiert werden, um damit im Rahmen einer Sinnesschulung die Sinneswahrnehmung zu schärfen oder neu zu entdecken. Am Infostand Fortbildung konnte man sich umfassend über Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten informieren und auf der Aktionsbühne Kindergartenlieder neue oder alt bekannte Kinderlieder mitträllern oder ein bisschen Muße zum Nachdenken über die Kindheit finden.

Ein buntes Programm gab es auf dem Marktplatz Training: Verschiedene Referenten bemühten sich um die Darstellung der Lernberatung, der Vernetzung von Trainern durch den Aufbau von Netzwerken oder der angewandten Kinesiologie. Verfahren der Neurolinguistischen Programmierung ( NLP) wurden ebenso referiert wie Erkenntnisbeiträge zur Lese- und Rechtschreibschwäche. Im Bereich Kind & Computer wurde über ergonomisches Arbeiten am PC nachgedacht und stellte man Möbel-Beispiele vor.

Die Sonderschau Kindheit - Jugend - Zukunft wollte das Kind in den Vordergrund rücken und stellte Bildung durch handwerkliche Fähigkeiten in den Mittelpunkt der Betrachtung. Im Mittelpunkt der Sonderschauen stand die Ausstellung Globales Lernen in einer Welt. Hier zeigten 50 Organisationen, Institutionen und Vereine, wie globales Lernen in der Praxis umgesetzt wird. Stündlich wurden hier Unterrichtseinheiten, Materialien, Medien und Projekte vorgestellt. Besonders diese Sonderschau lud zum Mitmachen und Ausprobieren ein. So konnte zum Beispiel die ausgezeichnete CD-ROM Tatort Manila ausprobiert oder im Internet gesurft werden.

Foren

Endlich durfte man seinem Ärger über die doch sehr unterschiedliche Bildungspolitik Luft verschaffen. Im Mittelpunkt stand die Frage nach Methoden der Gewaltprävention. Schwerpunktthemen waren die Kindergärten, die Ausbildungspraxis, Weiterbildungsmöglichkeiten und die Werkstatt Multimedia "Neue Medien - neue Lernwelten". Hier sollten u.a. im Verlauf der Messe über 20 aktuelle Lernprogramme vorgestellt und ausprobiert werden. Besonders kontrovers ging es im Forum Bildung zu, denn hier durften die Messebesucher aktiv mitdiskutieren.

Der Trend geht zum Onlinelernen

Mit "Dr. Mathe" fing beim Schulbuchverlag Cornelsen alles an, dann standen den Schülern schon bald "Dora Deutsch" und "Super James" als Nachhilfelehrer zur Verfügung. Inzwischen wurde alles in eine Lerncommunity eingebunden und präsentiert sich den Schülern als Learnetix. Damit wurde Cornelsen der Vorreiter bei den Schulbuchverlagen und bietet den Schülern eine 30-tägige Testphase an, bevor sie sich registrieren sollten, um letztlich alle Vorteile des Nachhilfeangebotes nutzen zu können. Inzwischen hat man 14.000 eingeschriebene Nutzer, doch die Zahl der zahlenden User wollte Cornelsen nicht nennen. Man betont ausdrücklich, dass auch ohne Bezahlung ein großes Angebot genutzt werden kann, aber erst mit eingerichtetem Konto kann der Schüler doch alle Vorteile ausschöpfen. Demnächst kann das Angebot auch mit einem WAP-Handy aufgerufen werden, so dass dann überall gelernt werden kann.

Cornelsen berichtete von einer Untersuchung, in der Lehrer solchen Online-Hausaufgabenhilfen durchaus positiv gegenüber stehen und Learnetix auch den Eltern empfehlen. Sie sehen in diesen Angeboten die Chance für den Schüler, den Stoff noch einmal und vielleicht anders erläutert zu bekommen. So erhöht sich die Lernchance auch für langsamere und vielleicht nicht so aufmerksame Schüler. Die Schüler selbst äußern sich laut Studie ähnlich und schätzen die objektive Beurteilung ihrer Leistungen.

Klett bietet seit knapp einem Monat ein Onlinelernangebot an, das aber in erster Linie das Ausfüllen von vorgegebenen Übungen umfasst. Diese entsprechen der CD-ROM "PC-Kombi-Training". Während die CD-ROM jeweils 49 DM pro Fach und Jahrgang kostet, kann der Onlinelernende alle Fächer und alle Jahrgänge drei Monate für 69 DM nutzen. Hinzurechnen muss man allerdings auch hier die Onlinekosten. Nach einiger Zeit gewinnen die Lernenden durch Lösen von Aufgaben Punkte, damit können sie am Aufbau einer ähnlichen Stadt wie "SimCity" helfen. Das Angebot präsentiert sich getreu dem Motto: "Mehr Edutaiment als Entertainment", doch wirklich Neues bietet das Onlinelernen nicht. Hier werden die Möglichkeiten von virtuellen Lern- und Kommunikationsmöglichkeiten nicht ausgereizt.

Ein wenig außerhalb der Reihe sei hier der Vollständigkeit halber auch Addy erwähnt. Zwar wird die Addy-Lernreihe nicht von einem Schulbuchverlag herausgegeben, aber über die Software kann man auch auf einen Onlinelernbereich zugreifen und dort an weiteren Übungen teilnehmen. Noch ist das Angebot kostenlos und daran wird sich nach Angaben der Pressestelle auch in den nächsten zwei Monaten nichts ändern.

Noch hat der hannoversche Schulbuchverlag Schroedel kein Angebot für Schüler und in den Gesprächen auf der Bildungsmesse war man doch sehr zugeknöpft. Nun kann man spekulieren, ob nun auch Schroedel einen Schüler-Internetlernbereich plant oder ob es "nur" bei den Onlineangeboten für Lehrer bleiben wird.

Aktuelle Lernsoftware und die digita-Preisträger

Alle Anbieter hatten mehr oder weniger diverse Neuvorstellungen von Lernsoftware, Edutainment und Entertainment in den Regalen auf der Bildungsmesse. Eine Übersicht wird demnächst bei Telepolis erscheinen. An unzähligen Computern konnte das fachkundige Publikum kompetente Ansprechpartner treffen und bekam auch Möglichkeiten zum Ausprobieren. Unter den Neuerscheinungen wurde auch in diesem Jahr der digita-Preis an 11 Programme bzw. ein Online-Angebot verliehen.

Highlight

Intel präsentierte auf der Interschul/didacta sein Fortbildungsprogramm, von dem 100.000 Lehrer profitieren sollen. Noch sind die Inhalte nicht komplett, daher wird an dieser Stelle noch keine umfassende Bewertung vorgenommen. Ein erster Blick in das didaktisch gut aufgemachte Handbuch zeigte, dass hier eine solide ITG-Grundlagen-Ausbildung vorgenommen werden soll. Am Stand konnte auch der Schüler-PC bewundert werden, der mit einer Vielfalt an Software ausgeliefert wird und bestimmt eine Konkurrenz zu sonstigen Schnäppchenangeboten ist.

Finanzproblemfeld "Computer in der Schule"

Ein Riesenproblem sind die Schulen durch die Aktion der Deutschen Telekom nun losgeworden. Alle 44.000 Schulen sollen einen Anschluss an das Internet erhalten, und die Telekom übernimmt die geschätzten Kosten von bis zu 125 Millionen Mark. Für nur eine Mark sollen Schüler demnächst den ganzen Nachmittag von 14 bis 18 Uhr surfen dürfen. AOL wird - wie auf der CeBIT bekannt gegeben wurde - nun den Lehrern ein entsprechendes Angebot machen.

Doch angesichts der Stagnation der Etats für den Schulmittelbedarf werden auch weitere Kostenverursacher die Schulen in arge Finanznot bringen. Allein die Hardware auf einem aktuellen Stand zu halten und zusätzlich mit zeitgemäßer Software auszustatten, wird die Budgets sprengen. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise stagnieren diese Mittel seit ca. 10 Jahren, bundesweit soll fast ein Drittel eingespart werden. Ein weiteres Riesenproblem ist die fachgerechte Betreuung und Wartung der Soft- und Hardware. Ohne eine Ausweitung des Stellenschlüssels sind diese zukünftigen Aufgaben nicht zu bewältigen und von den Lehrern nicht mehr in ausschließlich ehrenamtlicher Arbeitszeit zu leisten.

Pädagogisch wertlose Computer

Es wird aber auch von den Schulbuchverlagen laut gejammert, zwar werden inzwischen höhere Absatzzahlen erreicht, doch dieses Umsatzplus wird hauptsächlich mit dem "Nachmittagsmarkt" erwirtschaftet. Dem schulischen "Vormittagsmarkt" fehlen nach wie vor die Mittel zur Anschaffung hochwertiger aktueller Unterrichtssoftware. Kritisiert wurde, dass viele Mittel eher in die Hardware für den Internetanschluss gesteckt würden, aber für die Anschaffung von Software kaum oder nur wenig ausgegeben werde. Man sprach im Vorfeld der Bildungsmesse sogar von pädagogisch wertlosen Computern, weil ihnen die innovative Software fehle. Doch ohne ausreichende Absatzzahlen wird auch die Entwicklung moderner Lern- und Unterrichtssoftware behindert.

(Quelle: http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/5867/1.html)