09.03.: Soziologe Alphons Silbermann gestorben

Provokateur oder Außenseiter?

Seine Geschichte ist die Geschichte vieler Juden. Kaum hatte er seine Jura-Dissertation abgeben, wurde er auf der Treppe zur Universität von nationalsozialistischen Studenten zusammengeschlagen. Sofort zog er Konsequenzen und floh mit dem Zug nach Utrecht. Über Paris ging es schließlich ins wenig geliebte Australien, wo er als Unternehmer tätig war. Anfang der fünfziger Jahre kehrte er nach Europa zurück und lehrte in Frankreich. Erst 1970 kam Alphons Silbermann wieder nach Deutschland und erhielt in Köln eine Professur für Massenkommunikation und Kunstsoziologie.

Verdienste erwarb er sich für den Import von in Amerika entwickelten Untersuchungsinstrumenten der empirischen Sozial- und Kommunikationsforschung. Er selbst sagte von sich, dass er die Soziologie am eigenen Leibe erfahren hatte. Solche und viele andere Kernsätze ließen ihn als feinsinnigen Exzentriker erscheinen, so dass er oft in Talkrunden und als Fachmann bei den Medien gefragt war. Nicht zuletzt war er aber auch ein eigensinniger Provokateur, der durchaus die Zuschauer für sich einzunehmen verstand. Als offen bekennender Homosexueller wurde er zu einer der intellektuellen Leitfiguren der Kölner Schwulenszene.

Aber der medienerfahrende Provokateur und Tabu-Brecher war durchaus auch im wissenschaftlichen Kreis anerkannt, was zahllose Auszeichnungen belegen. Fast 50 Bücher hat er in seinem Leben veröffentlicht. Einige Titel zeigen immer wieder die Verflechtung seines Judentums mit soziologischen Aspekten, wie 1992 zum Beispiel das Buch "Juden in Deutschland. Selbstbild und Fremdbild einer Minorität". 1998 erschien das Buch "Der normale Hass auf die Fremden", welches sich mit den Integrationsproblemen russisch-jüdischer Zuwanderer beschäftigt. Durch diese Bücher erhalten seine Leser auch einen autobiographischen Einblick in das Leben von Silbermann. Wer den ersten Teil seiner Autobiographie lesen will, kommt nicht an dem Titel Verwandlungen vorbei. Die Fortsetzung findet sich zweifelsohne in Flaneur des Jahrhunderts.

Trotz Verdienstkreuzes und dem Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Köln galt Silbermann als Außenseiter, der vielleicht wirklich nur ein jüdischer Flaneur in diesem Jahrhundert war. Aber lieber Paradiesvögel wie ihn als die aalglatten C3-Professoren von heute, die nichts anderes im Kopf haben, als ihre Veröffentlichungszahlen an die Spitze zu tragen. Denn gegen Standesdünkel hatte Silbermann schon zu Lebzeiten gekämpft. Sein 1997 erschienenes Buch "Von der Kunst der Arschkriecherei" setzte dem Lügen, Heucheln, Schmeicheln oder Intrigieren ein Denkmal und erschloss der Soziologie ein bislang unerforschtes, aber alltägliches Handlungsmuster.

(Quelle: http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/5885/1.html)