12.03.: Die Bildungsmesse 2002 ganz im Geiste PISA
Die Bildungsmesse 2002 ganz im Geiste PISAs
Resignation - Nachdenken - Aktionismus?
Bereits im Vorfeld der diesjährigen Bildungsmesse wurde deutlich, dass immer und überall der Geist der PISA-Studie über Ausstellern, Besuchern, Seminar- oder Kongressteilnehmern schwebt. Die Besucher wollten Antworten. Zum Beispiel, wie man in Zukunft den Bildungsstandort Deutschland wieder stolz präsentieren kann. Doch wie immer gibt es keine einfachen Lösungen, denn auf einer Messe wollen fast alle Aussteller mit Bildung Umsatz machen. Die Landesbildungspolitiker, die diesmal ein regelrechtes Schaulaufen veranstalteten, sehen ihre Bildungshoheit gefährdet und die Besucher aus Schul- und Kindergartenkreisen suchen schnelle und verbindliche Rezepte und Konzepte.
„In 95 % aller Lebensentscheidungen will man einen Joker oder wenn wirklich nichts mehr geht, dann macht man Schluss.“
Piet Klocke auf der Bildungsmesse
Prof. Dr. Edmund Kösel von der Pädagogischen Hochschule Freiburg gibt gleich 10 Thesen zum allmählichen Umbau des Bildungssystems als Antwort auf das schlechte Abschneiden der deutschen Schüler bei der Bildungsstudie. Dabei liegt bislang nur ein internationaler Vergleich vor, der allerdings bereits eklatante Schwachpunkte des Bildungssystems anhand der Leistungen offenbarte. Zur Erinnerung: In erster Linie fehlt es den Schülern an Umsetzungsfähigkeiten des Erlernten und über allem schwebt die massive Leseunlust. Zwar sagen Kritiker der Studie inzwischen, dass die wenigsten beteiligten Schüler Lust zu der Studie hatten und sich entsprechend lax beim Beantworten verhielten, denn in den PISA-Ergebnissen zeigt sich eine Abwehrhaltung der Schüler zur weiteren Bewertung ihrer Leistungsfähigkeit außerhalb von Notensituationen. Dennoch empfinden insbesondere die Bildungspolitiker die Ergebnisse dermaßen niederschmetternd, dass sie die ersten Aktionsprogramme vorlegen. Doch solange PISA 2 mit den regionalen Ergebnissen nicht vorliegt, sollten alle Schulreformpläne vorerst aufs Eis gelegt werden.
In Niedersachsen soll noch früher selektiert werden
In Niedersachsen zum Beispiel will die SPD die Orientierungsstufe fallen lassen und stattdessen eine Förderstufe einrichten. Sofort meldet sich der Standesdünkel, denn dann sollen Hauptschüler mit Realschülern zusammen unterrichtet werden. Das Konzept beweist, dass die niedersächsische Landesregierung die PISA-Studie nicht begriffen hat, denn sie will eine noch stärkere Sortierung nach der 4. Klasse einführen. Mit sozialdemokratischen Forderungen nach einer Chancengleichheit hat dieses Konzept nichts mehr zu tun. PISA zeigt im internationalen Ländervergleich deutlich, dass insbesondere die schwächeren Schüler von einer längeren gemeinsamen Schulzeit mit Gleichaltrigen profitieren würden. Die niedersächsischen Grünen fordern deshalb die Anbindung der 5. und 6. Klasse an die Grundschulen.
Aktionismus und Programmatik
Doch bei allem Aktionismus der Politiker darf man unterstellen, dass es nicht ausschließlich um die Reform des Bildungswesens geht, sondern dass gleichzeitig Geld eingespart werden soll. Ganz anders der Freiburger Universitätsprofessor Edmund Kösel, er stellt in seinem 10 Punkte-Thesenpapier die heute Bildungspolitik infrage und baut Brücken zur Schulreform. Dabei wagt er sich auch an grundsätzliche Aussagen, wie die Abschaffung des Mythos der unterschiedlichen Schularten und der längeren Entwicklungszeit in einer Lernkultur.
Für Kösel ist klar, dass die Modernisierung nicht an den Lehrenden Halt machen darf und so fordert er zum Beispiel die Abkehr vom Beamtentum und grundsätzlich neue Formen der schulischen Organisation. Doch nicht nur strukturelle Aspekte stehen für ihn im Vordergrund, sondern auch die Ansicht über die Art der Wissensvermittlung: „Wissen ist nicht mehr Wahrheit, sondern Konstruktion.“ Fort vom „ontologischen“ Wissen hin zu einer Zuwendung zum Unterscheidungs-Wissen. Dazu bedarf es einer Loslösung vom Mythos des „allmächtigen“ Lehrplans und einer Revision des Begabungsbegriffes sowie dem Aufbau einer neuen Wissensarchitektur. Er fordert weiter, dass die Prinzipien des selbstorganisierten Lernens zu beachten sind. „In der pluralistischen Wissensgesellschaft genügt eine Abbild-Didaktik nicht mehr, sondern wir brauchen neue Didaktiken.“ Letztlich schlägt er die Beachtung der systemischen, der konstruktivistischen sowie der subjektiven Didaktik vor, was letztlich zu einem ganzheitlichen Lernbegriff führen müsse. Doch ohne eine Didaktik der Denkerziehung und eine Etablierung von Forschungszentren zur Wissensarchitektur und Didaktik wird sich auch in diesem Bereich nicht viel bewegen.
Eltern und Lehrer bedürfen einer intensiven Fortbildung. So sollten Eltern viel mehr „Aufklärung über die Entwicklung von Primärstrukturen bei ihren Kindern“ erhalten, um möglichst früh Schädigungen feststellen zu können. Für die Lehrenden beginnt nach Kösels Ansicht eine Phase der Professionalisierung. „Self science, sozial science und die Architektur des Wissens“, sind die Begriffe mit denen Lehrer sich einmal auseinander setzen sollten. Die Lehrerfortbildung muss sich auf die Vermittlung neuer didaktischer Erkenntnisse konzentrieren.
Die Dominanz der Schulträger
Für Wolf Dieter Eggert, Geschäftsführer der Verlagsgruppe „Das Bildungshaus“ zeigt sich die Schule mit baulichen Mängeln. Das Gebäude sei inzwischen zu hoch geworden und man wollte es auf 12 Stockwerke verkürzen. „Doch nun zeigt sich, dass selbst das Fundament (Der Kindergarten und die Vorschule) morsch sind. Pisa 2 wird zeigen, dass es Vor- oder Nachteile haben kann, wenn man in dem einen oder anderen Bundesland wohnt.“ Und so sprach der Vertreter eines Schulbuchverlages auch von kantonaler Schulpolitik, die einiges an Reformen verhindere. Jedes Land kocht sein Bildungssüppchen und will sich auch noch im Vergleich als Regionalsieger hervorheben. PISA 2 wird auch hier für manche Länder einiges Überraschendes bieten. Prof. Kösel denkt sogar einen Schritt weiter und fordert den Verzicht auf die Lehrplanhoheit und die Schulaufsicht. Er will neue Formen von Leistungsinterpretationen, Leistungsfeststellungen und Prüfungen. Doch das erfordert seiner Ansicht nach ein Heraustreten aus der üblichen „organisierten Unverantwortlichkeit“. Wenn die Länder begreifen, dass sie die Kultushoheit im Schulwesen aufgeben sollten und ein bundesweites Konzept erarbeiten würden, dann müssten sich die Schüler zukünftig weniger vor einem internationalen Vergleich fürchten. Aber vielleicht muss man den Kulturbegriff im Angesicht der Neuen Medien auch anders definieren. Lesen hat vielleicht inzwischen wirklich eine andere Bedeutung und müsste anderes interpretiert oder gemessen werden. Das erkennt man unter anderem auch daran, was Bildungspolitiker alles aus der PISA-Studie herausgelesen haben wollen. Man darf gespannt sein, unter welchem Motto die nächste Bildungsmesse 2003 in Nürnberg stehen wird. Ob der PISA-Schock heilsam wirken wird?