27.07.: Westerwelles Zweck-Outing

Der Sommerloch-Schachzug des FDP-Vorsitzenden

Was war eigentlich das Neue an der Meldung, dass sich FDP-Chef Guido Westerwelle zu seiner Homosexualität bekannt hat? Dies war längst ein offenes Geheimnis. Neu ist lediglich, dass er sich nun auch auf öffentlichen Veranstaltungen mit seinem Partner gezeigt hat. Man muss nicht lange darüber nachdenken, dass Westerwelle damit etwas bezwecken will, denn bislang ist der Liberale nicht gerade als Verfechter für gleiche Rechte von Schwulen und Lesben in Erscheinung getreten.

Mit einer Veröffentlichung, wie sie dem regierenden Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit drohte, musste Guido Westerwelle nicht rechnen. Somit konnte er sein eigenes Schwulsein auch nicht mehr öffentlich als etwas Gutes rechtfertigen. Einen Roland Schill hat er nicht in den eigenen Reihen, der den Hamburger Ole von Beust öffentlich als Schwulen outete. Was also hat den Vorsitzenden der Liberalen bewogen, sich nun erstmals in der Öffentlichkeit mit seinem Freund zu zeigen? Denn sein Schwulsein ist wirklich kein Geheimnis gewesen. Jeder in seiner Partei und auch jeder Journalist wusste von seiner Homosexualität. Es gab allerdings eine stille Vereinbarung darüber nicht zu berichten und daran hielt sich sogar die Bildzeitung. Umso verwunderlicher, dass Westerwelle nun öffentlich mit seinem Freund diverse Veranstaltungen besuchte und sich dabei fotografieren ließ.

Noch im Juni hatte Westerwelle gesagt, dass Privatleben auch ein Privatleben bleiben müsse. „Ich bleibe bei der Erkenntnis, wenn man die Medien einmal in sein Schlafzimmer einlädt, bekommt man sie dort nie wieder raus„. Auf einmal ist sein Leben eine Selbstverständlichkeit und er habe immer selbstbewusst gelebt und nie eine Kulisse davor geschoben, sagte er dem Spiegel in seinem Coming-Out-Interview. Sein Outing stellt er inzwischen als ganz simpel hin. So kann man seiner Ansicht nach nur gemeinsam zu Veranstaltungen gehen, wenn man nicht allein ist. Eine neue Liebe wird doch wohl nicht der alleinige Grund für dieses öffentliche Vorgehen sein. Die Popularitätswerte von Wowereit und von Beust sind nach deren Outing gestiegen. Das sieht natürlich auch Westerwelle und hier ist auch der wahre Grund für sein Outing zu suchen. Die Umfragewerte der FDP sind nicht gerade berauschend und allein deshalb muss man dem Karrieristen unterstellen, dass er nun auch sein Privatleben als politisches Zugpferd nutzen will, da er nach kurzem Blätterrauschen nur noch wohlwollendes Schulterklopfen erwarten kann. Gut abgepasst – der wacklige Boden ist von anderen bereits betreten und hat sich als trittfest erwiesen. Und somit schlägt er allen möglichen Enthüllern ein Schnippchen, sollte er wirklich einmal Außenminister werden oder ein anderes Ministeramt in einer neuen Regierung bekleiden. Gleichzeitig, so scheint es, wird die Abschaffung der Gesetze zur Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften für eine künftige christlich-liberale Regierung verhindert. Und so hat das Coming-out von Westerwelle doch auch seine gute Seite.