25.05.: Kirche mal wieder ganz anders
Der 30. Kirchentag in Hannover
Dass den Kirchen der Zulauf in Zeiten der Rezession fehlt, ist allgemein bekannt. Und so dümpelt manche Kirchengemeinde vor sich hin, denn es fehlen nicht nur die fleißigen Kirchgänger, sondern inzwischen auch immer mehr Pastoren. Dennoch zeigen viele Gemeinden, dass ein Gemeindeleben lebhaft und Sinn stiftend gestaltet werden kann. Der Kirchentag in Hannover wird in der Zeit vom 25. bis zum 29. Mai 2005 dazu beitragen, dass die evangelischen Christen wieder ein großes Gemeinschaftsgefühl mit in ihre heimatlichen Gemeinden tragen werden.
Christliches ehrenamtliches Engagement ist erforderlich, um diesen 30. Kirchentag wieder einmal für alle Teilnehmer und Besucher zu einem außergewöhnlichen Event werden zu lassen. Auch Politiker und sonstige gesellschaftliche Prominenz wird es sich nicht nehmen lassen, ihr christliches Engagement und vor allem ihre Bibelfestigkeit in den Vordergrund zu rücken. Kaum ein künftiger Bundestagswahlkämpfer wird nicht auf einem Podium zu finden sein, um uns näher zu bringen, ob uns nun eine Heuschreckenplage droht oder was uns Arbeitsplätze bringen wird. Diesmal müssen sich die politischen Ghostwriter allerdings gänzlich anders auf die Reden, Predigten oder Vorträge vorbereiten, denn die einzig relevante Textstelle findet sich für den Kirchtag nur in der Bibel.
Ganztägig von halb zehn Uhr morgens bis 22 Uhr gibt es eine Vielzahl von unterschiedlichsten Angeboten. Allein das Programm für fünf Euro umfasst 608 Druckseiten. Die Angebote in Kategorien zu umschreiben, erscheint schwierig, denn es kann nicht nur besinnlich meditiert, sondern auch getanzt, gelacht und gesungen werden. 300.000 Besucher werden zu diesem christlichen Meeting erwartet, davon sind ein gutes Drittel unter 30 Jahre alt. Entsprechend hat sich Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend auch vorbereitet und bietet diesen jungen Kirchentagsbesuchern ein ganz spezielles Angebot. In der täglichen Praxis sieht das leider wieder ganz anders aus, denn wie erst kürzlich bekannt wurde, wird in Hannover das evangelische Jugendzentrum zum 1. Juli 2005 geschlossen was bedeutet, dass die christliche Jugendarbeit in Zukunft nicht mehr im Arbeiterstadtbereich angeboten wird.
Ganz billig ist diese evangelische Erquickung nicht, denn für die Dauerkarte werden 79 Euro (ermäßigt 49 Euro) verlangt und selbst die Tageskarte schlägt mit 25 Euro (ermäßigt 15 Euro) zu Buche. Wer tagsüber keine Zeit findet, kann für 12 Euro eine Abendkarte erwerben. Dafür darf man sich auf dem hannoverschen Messegelände aufhalten, alle Veranstaltungen und Ausstellungen besuchen oder aktiv mitgestalten. Kostenlos kann sich der Kirchentagsbesucher in der hannoverschen Innenstadt aufhalten. Dort gibt es allein 13 unterschiedliche Anlaufpunkte für Kunst, Theater, Pellkartoffeln, Eröffnungsgottesdienste oder Arbeits-Lose.
Ganz ohne Pannen kommt der Kirchentag nicht aus: So ist die Website des 30. Evangelischen Kirchentages nur sehr schwer zu erreichen, so dass man sich wohl doch besser ein dickes Programmheft kaufen sollte. Auch bei den neu gestalteten Kirchentagsschals gab es einen dicken Buchstabensalat. Auf 80.000 in Asien produzierten Schals war zu lesen: „Deutscber Evangeliscber Kirchentag“. So war aus dem Buchstaben „h“ kurzerhand ein „b“ geworden. Doch wurden die Tücher zumindest ökologisch korrekt nach den Kriterien von „Ökotex 100“ hergestellt. Hier fand sich wohl kein anderer Billig-Hersteller, der der deutschen Sprache mächtig ist. Der weitere Text der Kirchentagslosung ist auch sinnbildlich mit der neuen Rechtschreibung in Verbindung zu bringen: „Wenn dein Kind dich morgen fragt…“. Um es gleich richtig zu stellen, der Text versteht sich als Hinweis zum Klimaschutz.
Wer einmal den Kirchentag in einer Gruppe zusammen besucht hat, wird fast zwangsläufig von einem Kirchentagsfeeling eingenommen. Sehr vielfältige Gruppenprozesse zeigen, dass das christliche Gemeinschaftsgefühl gestärkt werden kann. Und auch Nichtchristen können auf einem Kirchentag neben viel Spaß auch manche Anregung für den Alltag mit nach Hause nehmen. Doch oft kommt schon Wochen nach so einem gut organisierten Kirchentagsbesuch der Frust der alltäglichen Gemeindearbeit hoch, denn der Kurs der Kirchengemeinde am Heimatort wird immer noch zu sehr vom Pastor und seinem Kirchenvorstand bestimmt. Neue Ideen oder Anregungen werden daher im Keim erstickt, denn manch Kirchgänger hängt zu sehr an uralten Ritualen und ist kaum in der Lage, dieses Kirchentagsfeeling nachzuvollziehen oder in die Gemeindearbeit zu übertragen. Den fleißigen Kirchentagsbesuchern bleibt dann meist nichts anderes übrig, als dem nächsten Kirchentag entgegen zu schmachten.