Jugendarbeit zwischen Gewalt und Rechtsextremismus

Jugendarbeit zwischen Gewalt und Rechtsextremismus

Vahsen, F.; v. Hebel, M.; Döring, G.; Jörns, G.; Fandel, H. Jugendarbeit zwischen Gewalt und Rechtsextremismus. Darstellung und Analyse aktueller Handlungsansätze. Hildesheimer Schriften zur Sozialpädagogik und Sozialarbeit, Olms-Verlag, 1994


Gewalt und Rechtsextremismus haben als Herausforderung für die Jugendarbeit eine bereits recht dauerhafte Aktualität, die durch entsprechende Tagesereignisse immer wieder schmerzhaft ins persönliche, wie fachliche Bewußtsein gerufen werden.

Man sieht die Aufgabe, die schmelzenden Ressourcen in der Jugendarbeit und hofft aus der allgemeinen Betroffenheit und Ratlosigkeit das eine oder andere Projekt auf eine bestimmte Szene ansetzen zu können. Kurz - es wäre schon etwas mutig, behaupten zu wollen, daß die Jugendarbeit die Herausforderung konzeptionell einigermaßen im Griff hätte.
Vor diesem Hintergrund erscheint dieses Buch schon wie ein kleines „Muß“. Grob gesagt zerfällt es in zwei gleichermaßen wichtige Blöcke:
— Theoretische Auseinandersetzung mit den genannten Phänomenen und Hinweisen/ Tips für Projektierungen/ thematische Bearbeitungen etc.
— Dokumentation von Handlungs- und Forschungsprojekten mit differenzierter Beschreibung sowie umfangreichen Adressenmaterials für die Möglichkeit nachfragender Auseinandersetzung.

Dies ist alles gut, differenziert und anschaulich geordnet. Die mit der Veröffentlichung gesetzten Ziele möglichst alle Praxis- und Forschungsprojekte, Arbeitsvorhaben, Curricula, Lernhilfen zu erfassen, scheinen dabei weitgehend erfüllt.
Die Autoren verzichten bewußt auf eine präzise Definition des Gewaltbegriffs in dem sie mit einer gewissen Berechtigung auf die bisherige Diffusität der Debatte im Versuch auf eine handhabbare Begrifflichkeit zu kommen, verweisen. Dies stört im weiteren Verlauf wenig, wirkt eher befreiend und erlaubt dennoch eine weiterführende Typologisierung von Gewalt und ihren Dimensionen. Natürlich führt es bei der Erfassung hin und wider zu Irritationen, das eine oder andere Projekt angesichts der offenen Definition in diesem thematischen Kontext ausgewiesen zu sehen. Aber es beeinträchtigt das Gesamtbild keinesfalls.
Wichtig erscheint für die Entwicklung alltagspraktischer Konzeptionen die leitende These, daß im Sinne einer vorsichtigen Revision der Position, diese Phänomene seien Folge sozialer Erosion in einem krisenhaften Modernisierungsprozeß, mehr Wert auf informelle Gruppenstrukturen zu legen sei. Hier sehen sie sich einig mit Heitmeyer, daß Gewalt nicht an den Rändern entsteht, sondern als ein gesellschaftlich durchgängiges Phänomen zu fassen ist. Die Autoren führen dies aber nicht auf erlebte Desintegrations-/Deklassierungserfahrungen zurück, sondern eher auf informelle Gruppenstrukturen bzw. Wirkungen aus den Gruppen selbst. Die darauf folgenden Beschreibungen und Hinweise für die unterschiedlichen Bearbeitungs- und Zugangsformen bauen sich hierauf logisch auf und erweisen sich auch für den „Praktiker“ als sehr hilfreich, wenn auch darauf verwiesen wird, daß Erfolge in dieser Arbeit kaum meßbar sind (ein wirkliches Dilemma im heutigen Ressourcenkampf).
Wichtig auch die dargestellten Defizite für die Arbeit mit Mädchen als neue Facette in der bisher nicht bewältigten Herausforderung. Ein für mich wichtiges Buch. (Günther Ohlendorf)